Die Videosprechstunde ist in vielen Hausarztpraxen angekommen - doch sie steckt noch immer in einer Art Grauzone zwischen Alltag und Ausnahme. Waerend die einen Praxen laengst einen Grossteil ihrer Sprechstunden digital abwickeln, bleibt sie fuer andere ein Randphaenomen. Dabei zeigt sich: Die Telemedizin ist kein Ersatz fuer den persoenlichen Kontakt, sondern eine Erweiterung - wenn man sie richtig einsetzt.
Der stille Wandel im Sprechzimmer
Es beginnt meist unspektakulaer: Ein Patient, der nur ein Rezept benoetigt, ein Kontrolltermin, bei dem es nichts Neues gibt, oder ein Erstgespraech zur Abklaerung, ob ueberhaupt ein Praxisbesuch noetig ist. Genau fuer diese Faelle ist die Videosprechstunde gedacht - und genau hier zeigt sich, wie sehr sie den Praxisalltag veraendern kann. Laut dem aktuellen PraxisBarometer Digitalisierung der Kassenaerztlichen Bundesvereinigung (KBV) fuehren fast 40 Prozent der Praxen inzwischen Videosprechstunden durch [4]. Das ist eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, wie lange die Telemedizin in Deutschland als Exot galt.
Doch die blosse Verfuegbarkeit sagt noch nichts ueber die Qualitaet der Nutzung aus. Eine Praxis, die einmal im Monat eine Videosprechstunde anbietet, hat technisch dasselbe Kriterium erfuellt wie eine Praxis, die taeglich auf diese Form der Kommunikation setzt. Genau hier liegt das eigentliche Thema: Es geht nicht darum, ob eine Praxis Videosprechstunden anbietet, sondern wie sie es tut und fuer welche Patientengruppen sie es sinnvoll einsetzt. Die Erfahrung zeigt, dass Praxen, die Telemedizin als festen Baustein ihrer Sprechstundenplanung begreifen, ganz andere Ergebnisse erzielen als solche, die sie als Pflichtuebung abhaken.
Interessant ist dabei der Blick auf die Patientenseite. Der Digital Health Report 2026 macht deutlich, dass 64 Prozent der Patienten schon einmal auf einen Arzttermin verzichtet haben, weil die Suche nach einer Praxis oder einem Termin zu schwierig war [3]. Das ist ein enormer Wert, der zeigt: Die Huerde liegt oft nicht in der Behandlung selbst, sondern im Zugang. Eine Videosprechstunde kann diese Huerde senken - nicht fuer alle, aber fuer viele. Wer schon einmal versucht hat, als berufstaetiger Mensch mit eingeschraenkten Oeffnungszeiten einen Termin in einer Praxis zu bekommen, weiss, wie frustrierend das sein kann.
Warum die Videosprechstunde kein Ersatz ist
Die groesste Sorge vieler Aerztinnen und Aerzte gegenueber der Telemedizin ist der Verlust des persoenlichen Kontakts. Und tatsaechlich: Fuer bestimmte Untersuchungen, fuer das Abtasten, das Abhoeren, das genaue Hinschauen, ist die Videosprechstunde ungeeignet. Eine Hausarztpraxis lebt von der Kontinuitaet der Beziehung, vom Wissen um die Lebensumstaende der Patienten, von der nonverbalen Kommunikation im Sprechzimmer. Diese Dimension laesst sich nicht uebertragen.
Doch die Realitaet des Praxisalltags sieht anders aus: Ein erheblicher Teil der Konsultationen ist gar nicht untersuchungsintensiv. Es geht um Rezeptverlaengerungen, um die Besprechung von Befunden, um die Nachsorge nach einem Krankenhausaufenthalt, um die Einschaetzung, ob ein Symptom abgewartet werden kann oder ob ein Termin noetig ist. Genau fuer diese Faelle ist die Videosprechstunde ideal - und sie entlastet die Praxis, weil sie Terminslots freihaelt, die dann fuer Patienten mit akuten oder komplexen Anliegen genutzt werden koennen.
Die KBV-Studie zeigt, dass mehr als die Haelfte der Praxen bereits ueberwiegend digital mit Patientinnen und Patienten kommuniziert [2]. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Kommunikationskultur in den Praxen veraendert hat. Nicht von heute auf morgen, sondern schrittweise. Und die Videosprechstunde ist ein Teil dieser Entwicklung - aber eben nur ein Teil. Wer glaubt, mit der Videosprechstunde allein sei die digitale Transformation geschafft, verkennt die Komplexitaet des Themas.
Die digitale Kommunikation als Fundament
Bevor eine Praxis ueberhaupt ueber Videosprechstunden nachdenken kann, braucht es ein Fundament: die digitale Kommunikation mit den Patienten. Und hier zeigt sich ein ermutigendes Bild. Ueber die Haelfte der Praxen kommuniziert inzwischen ueberwiegend digital mit ihren Patienten [2]. Das umfasst E-Mails, Kurznachrichten, Erinnerungen an Termine und eben auch die Vereinbarung von Videosprechstunden.
Diese Entwicklung ist bemerkenswert, denn sie zeigt, dass sich die Praxen nicht gegen die Digitalisierung stemmen, sondern sie aktiv gestalten. Die KBV spricht in ihrem PraxisBarometer von einer wachsenden Akzeptanz und Verbreitung digitaler Anwendungen im ambulanten Bereich [4]. Das ist kein Selbstlauf gewesen, sondern das Ergebnis von Ueberzeugungsarbeit, technischer Verbesserung und nicht zuletzt auch von Druck durch die Patienten.
Denn die Patienten erwarten heute mehr. Sie sind es gewohnt, im Alltag digital zu kommunizieren - beim Bankwesen, beim Einkaufen, bei Behördengaengen. Dass ausgerechnet die Arztpraxis in dieser Hinsicht hinterherhinkt, ist fuer viele nicht nachvollziehbar. Der Digital Health Report 2026 zeigt, wie sehr die Suche nach einem Termin zur Huerde werden kann [3]. Eine Praxis, die diesen Frust ernst nimmt und digitale Kommunikationswege anbietet, hat einen klaren Wettbewerbsvorteil - gerade bei Neupatienten.
Die Rolle des elektronischen Arztbriefs
Ein besonders interessanter Aspekt der Digitalisierung ist der elektronische Arztbrief. Hier hat sich in den letzten Jahren enorm viel bewegt. Waehrend 2018 nur 13 Prozent der Praxen den eArztbrief regelmaessig nutzten, sind es heute 87 Prozent [2]. Das ist ein Quantensprung, der zeigt, was moeglich ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und der Nutzen fuer alle Beteiligten klar ist.
Der elektronische Arztbrief ist gewissermassen das Rueckgrat der digitalen Kommunikation zwischen Praxen. Er ersetzt das Fax, das jahrzehntelang das wichtigste Kommunikationsmittel im Gesundheitswesen war, und ermoeglicht einen schnelleren, sichereren und nachvollziehbareren Austausch von Behandlungsinformationen. Fuer die Videosprechstunde ist er insofern relevant, als er die Grundlage fuer eine gute Vorbereitung des Arztes auf das Videogespraech bildet: Wer die Vorgeschichte des Patienten kennt, kann das Gespraech viel zielgerichteter fuehren.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf die Krankenhaeuser, wo die Reise noch hingehen muss. Nur 12 Prozent der Praxen kommunizieren ueberwiegend digital mit Kliniken [2]. Und obwohl 85 Prozent der Praxen den Nutzen des elektronischen Entlassbriefs sehen, erhalten nur 15 Prozent diese digital [2]. Das ist eine eklatante Luecke, die zeigt: Die Digitalisierung ist kein Projekt, das man abschliesst, sondern ein Prozess, der staendig weitergeht. Fuer die einzelne Praxis bedeutet das: Sie kann sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruhen.
Zufriedenheit als Gradmesser
Ein wichtiger Indikator fuer den Erfolg der Digitalisierung ist die Zufriedenheit der Praxen mit den digitalen Anwendungen. Und hier zeigt sich ein erfreuliches Bild: Die Zufriedenheit mit der elektronischen Arbeitsunfaehigkeitsbescheinigung (eAU) liegt bei 78 Prozent, die mit dem eRezept bei 77 Prozent [2]. Das sind Werte, die vor wenigen Jahren undenkbar gewesen waeren.
Diese Zufriedenheit ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis davon, dass die Anwendungen ausgereifter geworden sind, dass die Praxen gelernt haben, damit zu arbeiten, und dass sich die Prozesse in den Praxen an die neuen Moeglichkeiten angepasst haben. Wer heute noch ueber die Maengel der Telematikinfrastruktur klagt, uebersieht, wie weit die Entwicklung bereits gekommen ist. Ueber die Haelfte der Praxen berichtet zwar von regelmaessigen Stoerungen der Telematikinfrastruktur [4] - das ist ein echtes Problem, das nicht schoengeredet werden sollte. Aber es ist eben auch ein Hinweis darauf, dass die Praxen die digitalen Anwendungen so intensiv nutzen, dass Stoerungen ueberhaupt so stark ins Gewicht fallen.
Fuer die Videosprechstunde bedeutet das: Die technische Basis ist da, die Akzeptanz waechst, und die Zufriedenheit mit den digitalen Anwendungen insgesamt ist hoch. Wer jetzt noch zaudert, laeuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren - nicht weil die Technik ihn dazu zwingt, sondern weil die Patienten sich zunehmend an digitale Angebote gewoehnen und sie einfordern.
Die digitale Kluft zwischen Wollen und Koennen
Trotz aller Fortschritte gibt es eine Kluft, die sich durch die gesamte Digitalisierung zieht: die Kluft zwischen Wollen und Koennen. Viele Praxen wollen digitalisieren, scheitern aber an konkreten Huerden - an der Technik, an der Zeit, am Personal, an den eigenen Gewohnheiten. Diese Kluft ist kein deutsches Spezifikum, aber sie ist in Deutschland besonders ausgepraegt, weil die Rahmenbedingungen lange Zeit nicht stimmten.
Das PraxisBarometer zeigt, dass die Praxen in vielen Bereichen Vorreiter sind - etwa beim elektronischen Arztbrief oder bei der digitalen Kommunikation mit Patienten [2]. Gleichzeitig bleiben Baustellen: die Kommunikation mit Krankenhaeusern, die Stabilitaet der Telematikinfrastruktur, die Qualitaet der Praxisverwaltungssysteme. Wer diese Baustellen kennt, kann gezielt daran arbeiten. Wer sie ignoriert, wird von ihnen eingeholt.
Fuer die Videosprechstunde heisst das konkret: Eine Praxis, die Videosprechstunden anbieten will, muss nicht nur die Technik anschaffen, sondern auch die Prozesse anpassen. Wer soll die Termine koordinieren? Wie werden die Patienten vorbereitet? Was passiert, wenn die Verbindung abbricht? Diese Fragen sind mindestens so wichtig wie die Frage nach der richtigen Software. Und sie erklaeren, warum manche Praxen die Videosprechstunde gut umsetzen und andere nicht.
Was die Telemedizin fuer Neupatienten bedeutet
Ein Aspekt, der in der Diskussion um die Telemedizin oft zu kurz kommt, ist ihre Bedeutung fuer die Gewinnung von Neupatienten. Der Digital Health Report 2026 zeigt, wie viele Patienten schon einmal auf einen Arzttermin verzichtet haben, weil die Suche zu schwierig war [3]. Eine Praxis, die eine unkomplizierte Videosprechstunde anbietet, senkt diese Huerde - und wird dadurch fuer Patienten attraktiver, die sonst vielleicht eine andere Praxis gewaehlt haetten.
Gerade fuer Berufstaetige, fuer Eltern mit kleinen Kindern, fuer Menschen mit eingeschraenkter Mobilitaet ist die Videosprechstunde ein starkes Argument. Sie signalisiert: Diese Praxis nimmt die Beduerfnisse ihrer Patienten ernst und bietet Loesungen an, die zum modernen Alltag passen. Das ist ein weicher Standortfaktor, der in der Wahrnehmung der Patienten zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Gleichzeitig darf man die Grenzen nicht verschweigen. Eine Videosprechstunde kann eine Erstuntersuchung nicht ersetzen, und sie ist kein Mittel, um die Qualitaet der Versorgung zu verbessern - sie kann aber den Zugang zur Versorgung erleichtern. Genau das ist ihr eigentlicher Wert. Und genau das sollten Praxen kommunizieren, wenn sie Videosprechstunden anbieten: als Ergaenzung, nicht als Ersatz.
Die Rolle der elektronischen Patientenakte
Die elektronische Patientenakte (ePA) ist ein weiterer Baustein der digitalen Transformation - und sie hat eine besondere Beziehung zur Videosprechstunde. Wenn ein Patient per Video konsultiert wird, ist es umso wichtiger, dass der Arzt Zugriff auf die relevanten Daten hat: die Medikationsliste, Vorbefunde, Allergien. Genau hier setzt die ePA an.
Das PraxisBarometer zeigt, dass die ePA auf gemischte Resonanz stoesst: Einzelne Funktionen wie die Medikationsliste werden positiv bewertet, viele Praxen beklagen aber hohen Aufwand und technische Probleme [2]. Das ist eine ehrliche Bestandsaufnahme, die zeigt: Die ePA ist noch nicht da, wo sie sein muesste. Aber sie ist auf dem Weg - und die Praxen, die sich fruehzeitig mit ihr auseinandersetzen, werden davon profitieren.
Fuer die Videosprechstunde bedeutet das: Sie funktioniert am besten, wenn sie eingebettet ist in eine digitale Gesamtstrategie. Wer nur die Videosprechstunde einfuehrt, aber im Uebrigen weiterhin auf Papier und Fax setzt, wird die Potenziale nicht heben. Wer dagegen die verschiedenen Bausteine - ePA, eArztbrief, eRezept, Videosprechstunde - als zusammengehoerig begreift, schafft eine digitale Infrastruktur, die den Praxisalltag tatsaechlich erleichtert.
Wie Praxen die Videosprechstunde sinnvoll einsetzen
Die entscheidende Frage ist nicht, ob eine Praxis Videosprechstunden anbietet, sondern wie sie es tut. Die Erfahrung zeigt: Erfolgreiche Praxen definieren klare Anwendungsfaelle. Sie ueberlegen sich, welche Patientengruppen von der Videosprechstunde profitieren und welche nicht. Sie legen fest, welche Anliegen sich fuer die Videosprechstunde eignen - Rezeptverlaengerungen, Befundbesprechungen, Verlaufskontrollen - und welche nicht.
Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Integration in den Praxisablauf. Eine Videosprechstunde ist kein Fremdkoerper, sondern ein weiterer Termintyp wie ein Hausbesuch oder ein Praxistermin. Sie braucht klare Zuständigkeiten im Team, eine gute Vorbereitung der Patienten und eine zuverlaessige Technik. Praxen, die diese Dinge beachten, berichten von hoher Zufriedenheit - sowohl beim Personal als auch bei den Patienten.
Schliesslich ist die Kommunikation entscheidend. Patienten muessen wissen, dass es die Videosprechstunde gibt, wie sie funktioniert und fuer welche Anliegen sie geeignet ist. Eine Praxis, die ihre Patienten aktiv informiert und ihnen die Angst vor der Technik nimmt, wird die Videosprechstunde erfolgreicher einsetzen als eine Praxis, die sie nur passiv anbietet. Die digitale Kommunikation mit Patienten ist dafuer die Grundlage - und die ist inzwischen in ueber der Haelfte der Praxen Realitaet [2].
Der Blick nach vorn
Die Digitalisierung der Arztpraxen ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess. Das PraxisBarometer der KBV zeigt, dass die Praxen in vielen Bereichen vorangehen - beim eArztbrief, bei der digitalen Kommunikation, bei der Videosprechstunde [4]. Gleichzeitig bleiben Baustellen: die Kommunikation mit Krankenhaeusern, die Stabilitaet der Telematikinfrastruktur, die Qualitaet der Praxisverwaltungssysteme.
Fuer die einzelne Praxis bedeutet das: Sie sollte die Videosprechstunde nicht als isolierte Massnahme betrachten, sondern als Teil einer umfassenden digitalen Strategie. Wer die verschiedenen Bausteine zusammenfuegt - digitale Terminvergabe, elektronische Patientenakte, elektronischer Arztbrief, Videosprechstunde - schafft eine Praxis, die fuer Patienten attraktiv ist und fuer das Team entlastend wirkt.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Fast 40 Prozent der Praxen bieten Videosprechstunden an [4], ueber die Haelfte kommuniziert ueberwiegend digital mit Patienten [2], und die Zufriedenheit mit den digitalen Anwendungen ist hoch [2]. Wer diese Entwicklung verschlaeft, wird es schwer haben - nicht morgen, aber uebermorgen. Denn die Patienten von heute sind die digital affinen Patienten von morgen, und sie werden Praxen bevorzugen, die ihre Beduerfnisse ernst nehmen.
Fazit
Die Videosprechstunde ist mehr als ein technisches Feature - sie ist ein Gradmesser fuer die digitale Reife einer Praxis. Praxen, die sie als festen Bestandteil ihrer Sprechstundenplanung begreifen, profitieren doppelt: Sie entlasten ihr Team und sie gewinnen Patienten, die sonst vielleicht fernbleiben wuerden. Die Zahlen des PraxisBarometers zeigen, dass die Richtung stimmt: Fast 40 Prozent der Praxen bieten Videosprechstunden an [4], und die Zufriedenheit mit digitalen Anwendungen ist hoch [2]. Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst nach der Einfuehrung: Es geht darum, die Videosprechstunde in den Praxisalltag zu integrieren, klare Anwendungsfaelle zu definieren und die Patienten aktiv einzubinden. Wer das schafft, hat nicht nur ein digitales Angebot mehr - er hat eine Praxis, die fuer die Zukunft geruestet ist. Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um die Versorgung zu verbessern und den Zugang zu erleichtern. Genau das ist die Chance der Videosprechstunde - und genau das sollten Praxen nutzen.