Die Digitalisierung in deutschen Arztpraxen hat einen neuen Reifegrad erreicht. Während eRezept, eAU und eArztbrief zum Alltag gehören, bleibt eine Baustelle chronisch unterversorgt: die Kommunikation mit den Krankenhäusern. Das PraxisBarometer 2025 zeigt ein klares Bild - und erklärt, warum der digitale Fortschritt an den Schnittstellen des Systems ins Stocken gerät.

Warum die Digitalisierung in Praxen 2026 endlich angekommen ist

Wer die Entwicklung der letzten Jahre verfolgt hat, erlebt gerade einen bemerkenswerten Wandel. Die Digitalisierung in den Arztpraxen ist kein Zukunftsthema mehr, sondern fester Bestandteil des Alltags. Das aktuelle PraxisBarometer Digitalisierung 2025, das das IGES Institut im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erstellt hat, zeichnet das Bild einer Branche, die ihre anfängliche Skepsis weitgehend abgelegt hat [3].

Besonders deutlich wird das am elektronischen Arztbrief: 87 Prozent der Praxen nutzen ihn regelmäßig - 2018 waren es lediglich 13 Prozent [3][4]. Das ist kein marginaler Anstieg, sondern eine Vervielfachung innerhalb von nur sieben Jahren. Wer selbst in einer Praxis arbeitet, spürt diesen Unterschied täglich: Der Papierstapel auf dem Schreibtisch schrumpft, die Suche nach verlorenen Befunden wird seltener, und die Weitergabe von Informationen an Kollegen funktioniert schneller.

Auch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und das eRezept sind im Versorgungsalltag angekommen. 78 Prozent der Praxen nutzen die eAU, 77 Prozent das eRezept [3][4]. Diese Zahlen sind bemerkenswert, denn sie zeigen: Wenn digitale Anwendungen zuverlässig laufen, steigt ihre Akzeptanz spürbar [4]. Das ist eine Erkenntnis, die für die kommenden Jahre richtungsweisend sein dürfte. Die anfängliche Skepsis gegenüber der Telematikinfrastruktur weicht einer pragmatischen Haltung: Hauptsache, es funktioniert.

Der eArztbrief als heimlicher Vorreiter der Digitalisierung

Der eArztbrief ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich digitale Anwendungen in der Praxis etablieren. Er löst ein echtes Problem: die zeitaufwendige und fehleranfällige Übermittlung von Arztbriefen per Post oder Fax. Dass 87 Prozent der Praxen ihn regelmäßig nutzen, ist kein Zufall [3][4]. Der eArztbrief spart Zeit, reduziert Übertragungsfehler und ermöglicht eine schnellere Weitergabe von Behandlungsinformationen.

Was viele nicht wissen: Der eArztbrief ist unter Fachärzten besonders verbreitet. Fast ein Viertel aller Praxen (23 Prozent) gab an, komplett oder mehrheitlich digital mit anderen Praxen zu kommunizieren [6]. Bei spezialisierten Arztpraxen liegt dieser Anteil sogar bei etwas mehr als einem Drittel [6]. Der Grund liegt auf der Hand: Fachärzte sind auf die Zuarbeit anderer Praxen angewiesen, und der eArztbrief macht diese Zusammenarbeit deutlich effizienter.

Interessant ist auch die Entwicklung der Zufriedenheit. Die Zufriedenheit mit eAU (78 %) und eRezept (77 %) ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen [3]. Das zeigt: Die anfänglichen Kinderkrankheiten der Systeme sind weitgehend behoben, und die Praxen haben gelernt, mit den verbleibenden Hürden umzugehen. Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, das den Praxisalltag erleichtert - wenn es richtig eingesetzt wird.

Die digitale Kluft zwischen Praxis und Klinik

Doch so positiv die Entwicklung in den Praxen auch ist, es gibt eine eklatante Baustelle: die Kommunikation mit Krankenhäusern. Nur 12 Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Kliniken [3][4]. Das ist ein ernüchternder Befund, denn die Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung ist für die Patientenversorgung entscheidend.

Besonders deutlich wird das Problem beim Entlassbrief. Obwohl 85 Prozent der Praxen den Nutzen des digitalen Entlassbriefs sehen, erhalten nur 15 Prozent diesen tatsächlich digital [3][4]. Diese Kluft zwischen Erwartung und Realität ist symptomatisch für die unterschiedlichen Digitalisierungsgeschwindigkeiten im Gesundheitswesen. Während die Praxen längst digital kommunizieren, sind Krankenhäuser noch viel zu oft im Papierzeitalter verhaftet [4].

Die Folge: Niedergelassene müssen immer noch zum Faxgerät greifen, obwohl sie selbst in digitalen Praxen arbeiten [4]. Das ist nicht nur ein technisches Ärgernis, sondern ein echtes Patientensicherheitsrisiko. Ein Fax kann verloren gehen, unleserlich sein oder im falschen Fach landen. Ein digitaler Entlassbrief hingegen ist eindeutig zuordenbar, archivierbar und sofort verfügbar.

Die Kritik von KBV-Vorstandsmitglied Sibylle Steiner ist daher berechtigt: Die Praxen sind und bleiben Vorreiter in Sachen Digitalisierung, aber sie werden von den Kliniken ausgebremst [3]. Das ist eine Systemschwäche, die nicht allein durch technische Lösungen behoben werden kann. Es braucht Anreize und Verbindlichkeit, damit auch die Krankenhäuser ihre Hausaufgaben machen.

Warum die Patientenperspektive den Druck erhöht

Die Digitalisierung in den Praxen ist nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern auch der Patientenerwartung. Der Digital Health Report 2026 macht deutlich: 64 Prozent der Patienten haben schon einmal auf einen Arzttermin verzichtet, weil die Suche nach einer Praxis oder einem Termin zu schwierig war [5]. Diese Zahl ist ein Weckruf für alle Praxen, die glauben, Digitalisierung sei ein optionales Extra.

Patienten erwarten heute, dass sie Termine online buchen, Befunde digital erhalten und mit ihrer Praxis per E-Mail oder Messenger kommunizieren können. Wer diese Erwartungen nicht erfüllt, verliert nicht nur Neupatienten, sondern riskiert auch die Abwanderung von Bestandspatienten. Die Digitalisierung ist damit ein Wettbewerbsfaktor geworden, der über den wirtschaftlichen Erfolg einer Praxis mitentscheidet.

Gleichzeitig zeigt die Patientenperspektive, dass Digitalisierung nicht entmenschlichen darf. Patienten wollen keine anonyme App, sondern eine Praxis, die digital erreichbar ist und trotzdem persönlich bleibt. Die Kunst besteht darin, die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen, ohne die menschliche Zuwendung zu vernachlässigen. Das ist eine Herausforderung, die jede Praxis individuell lösen muss.

Die elektronische Patientenakte (ePA) als nächster großer Schritt

Die elektronische Patientenakte (ePA) ist das nächste große Digitalisierungsprojekt im Gesundheitswesen. Die Resonanz in den Praxen ist gemischt: Einzelne Funktionen wie die Medikationsliste werden positiv bewertet, doch viele Praxen beklagen hohen Aufwand und technische Probleme [3].

Diese Skepsis ist verständlich, denn die ePA ist ein komplexes System, das viele Akteure einbezieht. Sie funktioniert nur, wenn alle Beteiligten - Praxen, Kliniken, Apotheken und Patienten - an einem Strang ziehen. Genau hier liegt das Problem: Die ePA erfordert eine Zusammenarbeit, die in der aktuellen Struktur des Gesundheitswesens nicht selbstverständlich ist.

Dennoch ist die ePA notwendig, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben. Sie kann Doppeluntersuchungen vermeiden, die Medikationssicherheit erhöhen und Patienten mehr Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten geben. Der Weg dorthin ist steinig, aber das Ziel ist es wert.

Was das PraxisBarometer 2026 bringen wird

Die KBV untersucht 2026 bereits zum neunten Mal den Stand der Digitalisierung in den Praxen [8]. Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet, denn sie zeigen, ob sich die positiven Trends fortsetzen oder ob es Rückschläge gibt. Die bundesweite Online-Befragung, die bis zum 23. August möglich ist, erhebt die Erfahrungen, Einschätzungen und Erwartungen niedergelassener Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten [10].

Die zentrale Frage wird sein, ob die Digitalisierung in den Praxen weiter an Fahrt gewinnt oder ob sie an ihre Grenzen stößt. Die bisherigen Ergebnisse lassen hoffen, dass die Praxen den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Doch es bleibt abzuwarten, ob auch die Kliniken nachziehen und die Kommunikation zwischen ambulanter und stationärer Versorgung verbessert wird.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) im Praxisalltag. Erste Anwendungen gibt es bereits, aber der flächendeckende Einsatz steht noch aus. Das PraxisBarometer 2026 könnte hier wichtige Erkenntnisse liefern, etwa darüber, wo KI den größten Nutzen bringt und wo die Hürden liegen.

Die Rolle der KBV als Treiber der Digitalisierung

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) spielt eine zentrale Rolle bei der Digitalisierung der Arztpraxen. Sie erhebt nicht nur Daten, sondern gestaltet auch den Prozess aktiv mit. Das PraxisBarometer Digitalisierung ist dabei ein wichtiges Instrument, um den Stand der Digitalisierung zu messen und Handlungsbedarf zu identifizieren [8].

Die KBV hat erkannt, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern die Versorgung verbessern kann. Sie setzt sich daher für praxistaugliche Lösungen ein, die den Alltag erleichtern und nicht zusätzlich belasten. Die steigende Zufriedenheit mit eAU und eRezept zeigt, dass dieser Ansatz funktioniert [3].

Gleichzeitig ist die KBV auch ein kritischer Beobachter. Sie weist auf Schwachstellen hin, wie die mangelnde digitale Kommunikation mit Kliniken, und fordert politische Lösungen ein. Diese Doppelrolle - Gestalter und Mahner - macht die KBV zu einem wichtigen Akteur im Gesundheitswesen.

Wie Praxen die Digitalisierung weiter vorantreiben können

Für Praxen, die ihre Digitalisierung weiter vorantreiben wollen, gibt es einige bewährte Strategien. Zunächst sollten sie die vorhandenen Anwendungen wie eRezept, eAU und eArztbrief konsequent nutzen und ihre Prozesse darauf ausrichten. Die Technik ist vorhanden, jetzt kommt es auf die Umsetzung an.

Zweitens sollten Praxen in die Schulung ihres Teams investieren. Die Digitalisierung scheitert oft nicht an der Technik, sondern an der fehlenden Kompetenz im Umgang mit ihr. Gut geschulte Mitarbeiter sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Digitalisierung.

Drittens sollten Praxen den Dialog mit den Kliniken suchen und auf eine verbesserte digitale Kommunikation drängen. Der Entlassbrief ist ein klassisches Beispiel: Wenn die Klinik ihn nicht digital liefert, muss die Praxis nachfragen und auf die Vorteile hinweisen. Nur so kann der Druck auf die Kliniken erhöht werden.

Was die Digitalisierung für den Praxisalltag bedeutet

Die Digitalisierung verändert nicht nur die technischen Abläufe, sondern auch die Arbeitskultur in den Praxen. Sie schafft neue Möglichkeiten, stellt aber auch neue Anforderungen. Wer die Digitalisierung als Chance begreift, kann seine Praxis zukunftsfähig machen und die Versorgung verbessern.

Gleichzeitig darf die Digitalisierung nicht zum Selbstzweck werden. Sie muss den Patienten nutzen und das Praxisteam entlasten. Wenn beides gelingt, ist die Digitalisierung ein Gewinn für alle Beteiligten.

Das Wichtigste in Kürze

Die Digitalisierung in den Arztpraxen ist 2026 weit fortgeschritten. 77 Prozent im Alltag angekommen [3][4]. Die große Baustelle bleibt die Kommunikation mit Kliniken: Nur 12 Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Krankenhäusern, und nur 15 Prozent erhalten Entlassbriefe digital - obwohl 85 Prozent den Nutzen sehen [3][4]. Die KBV treibt die Entwicklung mit dem PraxisBarometer voran, und die Patientenerwartung erhöht den Druck zusätzlich: 64 Prozent haben schon einmal auf einen Termin verzichtet, weil die Suche zu schwierig war [5]. Die Zukunft gehört Praxen, die Digitalisierung als Chance begreifen und aktiv gestalten.